[besame mucho]
Lydia am 21. Oktober 2005
“Sie können keine Kinder bekommen”, lautete die Nachricht des Arztes. M.’s größter Wunsch, für den sie lebte, wurde innerhalb weniger Sekunden von der Realität erdrosselt. Sie würde niemals ein Kind gebären können. Sie würde niemals Mutter werden können. Sie und ihr Mann würden zusammen niemals Eltern werden dürfen.
Niemals würde M. erleben dürfen, wie es ist, jemandem auf die Welt zu helfen, der ihr zeigen würde, was Bedingungslosigkeit wirklich bedeutet. Niemals würde sie ohne die Hilfe eines Spiegels in ihre eigenen Augen sehen dürfen. Und niemals würde sie ihrem Kind dabei zusehen dürfen, wie es vorfreudig nach einem dieser vielen kleinen Stofftiere in einem großen gläsernen Spielzeugautomaten angeln würde.
Vier Jahre später wurde M. schwanger.
Die regelmäßigen Untersuchungen während der Schwangerschaft zeigten ein gesundes Ungeborenes und eine folglich glückliche werdende Mutter. Dem kleinen Menschenkind in ihrem warmen Bauch ging es gut. Doch wie sich während ihrer Schwangerschaft herausstellen sollte, trug M. nicht nur ein Kind in ihrem Unterleib. Ausser ihrem Kind beherbergte sie einen Tumor in ihrem Körper.
“Sie haben Gebärmutterkrebs”, lautete die Diagnose.
M. beschloss, die Schwangerschaft nicht abzubrechen. Wenn schon ihre eigene Zukunft noch ungewiss war, sollte wenigstens ihr Kind eine Chance bekommen zu überleben.
Ihre Tochter Tina kam gesund auf die Welt.
M. wurde die Gebärmutter aus dem Unterleib geschnitten, und damit auch die Chance auf weitere Kinder. Die Behandlung zeigte Erfolg und M. gesundete.
Endlich durfte sie leben, anstatt nur zu existieren. Endlich hatte sie alles, was sie sich immer gewünscht hatte. Sie hatte eine gesunde Tochter. Und sie hatte einen Mann, der ihr zur Seite stand.
Tina entwickelte sich zu einem aufgeweckten, glücklichen Mädchen und wuchs auf wie ein aufgewecktes, glückliches Mädchen, das nichts lieber tut, als mit anderen aufgeweckten Kindern zu toben, zu lachen, Streiche zu spielen und die Welt um sich herum zu entdecken.
Während ihre Eltern an einem sonnigen Apriltag mit Freunden im gemütlichen Straßenbistro saßen, spielte die inzwischen dreieinhalbjährige kleine Tina mit anderen Kindern vor dem Bistro. Die Kinder entdeckten einen dieser großen gläsernen Spielzeugautomaten, aus denen man kleine Stofftiere angeln kann. Da die Kinder keine Münzen hatten, um nach Stofftieren zu fischen, rüttelten sie mit vereinten Kräften an dem Kasten. Sie rüttelten so feste, dass er schließlich umfiel.
Der schwere, gläserne Kasten begrub Tinas kleinen Körper unter sich und quetschte ihren Schädel ein.
Tina lag drei Monate im Koma.
Sie verstarb im Juli 2005.
“Besame, besame mucho,
que tengo miedo a perderte, perderte después”

schoko-bella sagt:
manchmal ist das leben grausam. in so einer situation nicht durchzudrehen ist verdammt schwer. da taucht dann immer die selbe frage auf… warum?
22. Oktober 2005 um 18:57
pia sagt:
so traurig, so grausam. :(
23. Oktober 2005 um 00:48
Joachim sagt:
Ich hatte erst vor kurzem den Begriff gehört “verwaiste Eltern”. Das muss ähnlich sein in dem von dir beschriebenen Fall. Vielleicht hilft ein Blick hierhin: http://www.leben-ohne-dich.de/
23. Oktober 2005 um 20:34
MC Winkel sagt:
Hat M. es geschafft, sich nach diesem Vorfall nicht komplett vom Glauben an das Gute zu entziehen?
Das Schicksal kennt teilweise keine Gnade.
24. Oktober 2005 um 12:30
andi sagt:
es ist so schlimm zum lesen, daß einem zunächst die luft zum atmen wegbleibt.
dann frag ich mich ob gott, der alte halunke, wohl wieder woanders wichtigeres zu erledigen hatte.
24. Oktober 2005 um 19:39
paolo sagt:
Lydi!!
besame mucho!!
traurig, traurig, aber das leben muss weiter gehen!!
4 Tage sind vorbei!!
zu wenig zu viel???
Gestern Heute Morgen ??
Wo bleibt Das Herz die Seele und Realität, Wirklichkeit und so weiter ??
schreib wieder !!
25. Oktober 2005 um 19:32
Lydia sagt:
@ Joachim, schönen Dank für den interessanten Link.
@ MC, ich weiß es nicht, aber ich denke nein.
@ Andi, vielleicht lag er mit Grippe oder Durchfall im Bett bzw. Klo, oder er hat einen Rivalen, der manchmal einfach stärker ist als er. Ich glaube Gott (falls es ihn wirklich geben sollte) ist genauso wenig perfekt wie der Menschenmurks, den er geschaffen hat. ;}
Zumindest mag es ein kleiner Trost für Betroffene sein, ihm eine Teilschuld in die Schuhe schieben zu können.
@ Paolo, zu Befehl Herr Professor.
25. Oktober 2005 um 21:19
blacktears sagt:
Die Geschichte ist grausam ;( Warum wird vielen alles geschenkt und denen, die nicht viel haben auch noch alles genommen? Das ist so ungerecht
4. November 2005 um 11:45
wasserfrau sagt:
wo findet man so viel trauer?
7. November 2005 um 21:19
dirk sagt:
was gibt es da groß zu sagen … ?
Welcher Gott ist gemeint ???
8. November 2005 um 11:39
Agnes sagt:
Ich mußte schlucken beim Lesen, und jetzt möchte ich weinen.
21. November 2005 um 21:43
samoa sagt:
eltern, die ihre kinder überleben. gott, wie grausam.
mir fällt da etwas ein, das ich in six feet under gehört habe:
If you lose a spouse, you’re called a widow, or a widower. If you’re a child and you lose your parents, then you’re an orphan. But what’s the word to describe a parent who loses a child? I guess that’s just too fucking awful to even have a name.
sehr wahr.
26. November 2005 um 12:32
Rulez666 sagt:
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11. April 2006 um 12:40